Es muss an einem Dienstag gewesen sein, als wir uns in kleinen Kacheln auf dem Bildschirmen begegnen, Kuli hinterm Ohr, zum virtuellen Coffee-Break. Wir redeten über früher, über unsere gemeinsamen PR-Zeiten und über digitale Sichtbarkeit von heute. Sie war jetzt Kommunikationschefin eines Forschungsinstituts und erzählte mir von einem Female-Empowerment-Programm, in dem sich Frauen gegenseitig in der Sichtbarkeit unterstützen. Ihr Gesicht war aufmerksam wie immer. Ihre Worte durchdacht, so kannte ich sie von früher. "Das Programm", erzählte sie, "es war exzellent aufgebaut – explizit so konzipiert, dass das Netzwerk über das Programm hinaus bestehen bleibt, so dass wir Frauen uns gegenseitig stärken, sichtbar machen, weiterempfehlen." Sie machte eine Pause. "Eine Idee, die im Kern richtig ist."
Und dann sagte sie am Ende einen Satz, der mich nicht losgelassen hat: „Irgendwann hat es sich seltsam angefühlt."
"Seltsam", sagte sie. Nicht falsch, sondern seltsam.
Sie arbeitet in der Wissenschaftskommunikation. Ihre Fachleute, deren Kommunikation sie führt, sind Männer und Frauen. Ihre Themen sind komplex, ihre Zielgruppen gemischt. Je länger sie in diesem Female-Leadership-Netzwerk war, desto deutlicher wurde: Die Sichtbarkeit, die sie dort aufbaute, funktionierte innerhalb der Blase – zwanzig Likes in Minuten, von Frauen, die sie kannte. Draußen, in den Räumen, in denen es wirklich zählte, hatte sich wenig verändert.
Das Netzwerk war gut geplant. Aber es war zu kurz geplant.
Woher die Bewegung kommt – und für wen sie ursprünglich gedacht war
Female Empowerment hat eine Geschichte, die man kennen muss, wenn man die Bewegung fair beurteilen will.
Die Wurzeln liegen in der zweiten Welle des Feminismus, die in den 1960er Jahren in den USA entstand und sich in Westeuropa ausbreitete. Das Wort „Westeuropa" ist hier keine geografische Nebenbemerkung – es ist der entscheidende Hinweis. Denn was in der Bundesrepublik Deutschland als Kampf um Grundrechte begann, war in der DDR zur selben Zeit bereits staatlich verordnete Realität. In der BRD konnte ein Ehemann noch bis 1977 den Arbeitsvertrag seiner Ehefrau kündigen, wenn er der Meinung war, dass sie ihren Haushaltspflichten nicht ausreichend nachkam. In der DDR arbeiteten 1989 bereits 91 Prozent aller Frauen – in der BRD waren es 51 Prozent.
Ost und West waren zwei unterschiedliche Welten für Frauen.
Die DDR-Führung hatte Frauen nicht aus feministischer Überzeugung in den Arbeitsmarkt integriert – sie wurden als Arbeitskräfte gebraucht. Feminismus aus wirtschaftlicher Notwendigkeit, wie das "Digitale Deutsche Frauenarchiv - DDF" es formuliert. Aber das Ergebnis war ein anderes Selbstverständnis: finanzielle Unabhängigkeit, eigene Rente, die Selbstverständlichkeit, dass eine Frau arbeitet. Zweidrittel aller Scheidungen in der DDR wurden von Frauen eingereicht. Nicht weil die Ehen schlechter waren – sondern weil Frauen die Wahl hatten.
Als 1990 die Mauern fielen und Frauen aus Ost und West aufeinandertrafen, prallten zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen aufeinander.
„Es gibt in der ehemaligen DDR Sachen, für die wir jahrelang gekämpft haben und die wir bis heute nicht erreicht haben. Ihr kriegt Frauenbewegung in mancher Hinsicht von oben." — Nora, aus Westberlin (Quelle: Digitales Deutsches Frauenarchiv)
„Wenn ich mich nicht selbst ernähren kann, dann bin ich auch nicht emanzipiert." — Sybille, aus Erfurt (Quelle: Digitales Deutsches Frauenarchiv)
Genau das ist der blinde Fleck vieler Female Empowerment-Programme, die heute in Deutschland laufen: Sie sind aus einer westdeutschen Erfahrung heraus entstanden – und sie sprechen oft, ohne es zu wissen, nur eine Hälfte des Landes an. Für Frauen, die in der DDR oder in osteuropäischen Ländern aufgewachsen sind, in denen Berufstätigkeit und finanzielle Eigenständigkeit der Mütter schlicht zur Normalität gehörten, klingt die Sprache dieser Programme manchmal fremd. Nicht weil die Themen irrelevant wären – sondern weil der Ausgangspunkt ein anderer ist.
Das Bubble-Phänomen: Wenn Sichtbarkeit nur nach innen strahlt
Es gibt einen Mechanismus, der in gut gemeinten Netzwerken fast zwangsläufig entsteht – und der selten offen benannt wird.
Wenn Menschen, die ähnliche Erfahrungen teilen, sich zusammenfinden, entsteht zunächst etwas Wertvolles: Verständnis, Bestätigung, Energie. Das ist der Kern jedes guten Netzwerks. Das Problem beginnt, wenn dieser Raum nicht mehr als Ausgangspunkt gedacht wird, sondern als Ziel. Wenn die zwanzig Likes aus dem eigenen Netzwerk als Maßstab für Reichweite gelten. Wenn die Frage „Wer sieht mich?" mit „die Frauen, die ich kenne" beantwortet wird – und das als Erfolg gilt.
Die Kommunikationschefin aus dem Forschungsinstitut hatte das gespürt, bevor sie es benennen konnte. Ihre Arbeit findet nicht in einer Bubble statt. Sie kommuniziert Wissenschaft an ein breites Publikum – an Politiker, Journalisten, Unternehmensvertreter, Förderinstitutionen. Männer und Frauen. Wenn ihre Sichtbarkeit nur innerhalb eines weiblichen Netzwerks funktioniert, hat sie ihr eigentliches Problem nicht gelöst. Sie hat es verschoben.
Das ist kein Vorwurf an die Bewegung. Es ist eine strukturelle Beobachtung. Netzwerke, die auf Ähnlichkeit aufgebaut sind, neigen dazu, Ähnlichkeit zu verstärken. Das gilt für Männernetzwerke genauso – und die gibt es seit Jahrhunderten, in Clubs, Verbänden, Vorstandsetagen. Der Unterschied: Männernetzwerke haben historisch Zugang zu Macht verschafft, weil Macht dort saß. Female Empowerment-Netzwerke verschaffen Zugang zu anderen Frauen, die ebenfalls Zugang suchen.
Das ist der blinde Fleck, der selten ausgesprochen wird. Und er betrifft direkt die Frage, die für Führungskräfte und Experten entscheidend ist: Expertensichtbarkeit entsteht nicht dadurch, dass die richtigen Menschen einen kennen – sondern dadurch, dass die relevanten Menschen einen kennen. Das sind oft nicht dieselben.
Co-Kreation statt Parallelwelten: Was wirklich verändert
Ich habe in meiner Karriere als Journalistin und PR-Beraterin viele große Projekte begleitet – Pressekonferenzen, Kampagnen, Artikel, die ein breites Publikum erreichen sollten und auch erreichten. Die Projekte, die wirklich funktioniert haben, hatten fast immer dasselbe gemeinsam: gemischte Teams. Wir haben damals schon erkannt. Dass unterschiedliche Blickwinkel zu besseren Ergebnissen führen.
Ich habe immer bei der Auswahl von Podiums-Besetzungen von Kongressen oder Pressekonferenzen darauf geachtet, dass die Stimmen von Frauen in diesen Räumen nicht untergehen. Oft bin ich dafür sogar eine Extrameile gelaufen, weil Männer oft schneller greifbar waren. Doch ich schaffte es immer, dass in Diskussionsrunden, bei der Vergabe von Zitaten, bei der Frage, wer als Expertin benannt wird, eben auch Frauen zur Geltung kamen. Ich habe das nie als feministische Geste gesehen, sondern eher aus meinem Blick einer journalistischen Ausgewogenheit. Ein Bild, das nur eine Hälfte der Wirklichkeit zeigt, ist kein gutes Bild.
Die Forschung bestätigt, was ich in der Praxis erlebt habe. Eine McKinsey-Studie aus dem Jahr 2024, für die Daten von mehr als 1.200 Unternehmen in 23 Ländern ausgewertet wurden, kommt zu einem eindeutigen Ergebnis: Europäische Unternehmen mit gemischten Führungsteams haben eine über 60 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich profitabel zu sein. Der Effekt hat sich seit 2020 verdoppelt.
„In wirtschaftlich schwierigen Zeiten zahlt es sich umso mehr aus, vielfältige Perspektiven zu berücksichtigen und robustere Entscheidungen zu treffen." — Julia Sperling-Magro, McKinsey-Partnerin, Leiterin People & Organizational Performance Practice Deutschland/Österreich (McKinsey, März 2024)
Vielfältige Perspektiven. Das ist das Gegenteil einer Bubble.
Co-Kreation bedeutet nicht, dass die spezifischen Erfahrungen von Frauen unsichtbar werden. Es bedeutet, dass sie in einen größeren Raum eingebracht werden – einen Raum, in dem sie auch wirken können. Eine Stimme, die nur im eigenen Netzwerk gehört wird, verändert nichts außerhalb davon. Expertensichtbarkeit, die wirklich trägt, braucht Resonanz über die eigene Gruppe hinaus.
Das Besondere an geschlechterspezifischer Sichtbarkeit – und warum es lebendige Kommunikation ausmacht
Es wäre falsch, aus allem bisher Gesagten den Schluss zu ziehen, dass geschlechterspezifische Räume überflüssig sind. Das sind sie nicht.
Es gibt etwas, das Frauen in gemischten Räumen oft anders erleben als Männer – und das hat weniger mit Kompetenz zu tun als mit der Art, wie Kompetenz wahrgenommen wird. Studien zur Gesprächsdynamik in gemischten Gruppen zeigen seit Jahrzehnten dasselbe Muster: Frauen werden häufiger unterbrochen, ihre Ideen werden seltener direkt aufgegriffen und öfter dann gelobt, wenn ein Mann sie kurz darauf wiederholt. Das ist keine Theorie. Das ist eine Beobachtung, die sich in Konferenzräumen, in Redaktionssitzungen, in Vorstandsmeetings wiederholt.
Was Frauen in solchen Umgebungen oft lernen müssen – und was selten offen gelehrt wird – ist die Kunst, Raum zu beanspruchen, ohne sich dabei zu entschuldigen. Den eigenen Standpunkt zu setzen, bevor jemand anderes ihn besetzt. Zu lernen, dass eine Pause im Gespräch kein Zeichen von Unsicherheit ist, sondern von Überlegung – und dass man sie nicht sofort füllen muss. Kurz: die Fähigkeit, in einer Dynamik zu bestehen, die historisch für andere kalibriert wurde.
Aber das ist keine Einbahnstraße. Was Männer lernen müssen, wenn sie in diversen Teams wirklich wirksam sein wollen, ist mindestens genauso anspruchsvoll. Zuhören, ohne sofort zu lösen. Fragen stellen, ohne die Antwort bereits zu kennen. Erkennen, wann die eigene Stimme den Raum füllt – und wann das auf Kosten anderer geschieht. Das sind Fähigkeiten, die in klassischen Männernetzwerken selten trainiert werden, weil sie dort nicht gebraucht werden. In gemischten Räumen sind sie entscheidend.
Räume, in denen Frauen ihre Stimme und ihren Stil ohne diesen Gegenwind entwickeln können, haben deshalb eine Funktion. Sie sind kein Endpunkt – aber sie können ein guter Ausgangspunkt sein. Der Unterschied liegt in der Intention: Dient dieser Raum dazu, eine Stimme zu finden, die dann nach außen trägt? Oder dient er dazu, eine Stimme zu haben, die im Inneren bleibt?
Das ist die Frage, die sich jedes Female Empowerment-Programm stellen sollte. Und die sich jede Frau, die an einem solchen Programm teilnimmt, selbst stellen darf.
Journalistische Präzision als Methode: Wie ein Ansatz entsteht, der beide Seiten sieht
Ich habe meine journalistische Methodik nicht am Schreibtisch entwickelt. Sie ist erfahrungsbasiert und in der Praxis entstanden und – in Redaktionen, in Pressekonferenzen und Kamingesprächen, in Rechercheinterviews, die auch mal über eine Stunde dauerten, bevor der eigentliche Kern sichtbar wurde.
Was mich früh geprägt hat, war die Erfahrung, dass gute Berichterstattung immer beide Seiten braucht, ganz im Sinne von Vollständigkeit und Ausgewogenheit. Ein Porträt, das nur die Außenwirkung beschreibt, ist kein Porträt. Ein Artikel, der nur eine Perspektive abbildet, ist kein Artikel. Das gilt für Journalismus. Und es gilt, wie ich im Laufe der Jahre verstanden habe, genauso für Personal Branding.
In meiner Arbeit mit Führungskräften habe ich diesen Ansatz bewusst auf beide Geschlechter angewendet – und dabei beobachtet, wie unterschiedlich Männer und Frauen auf dieselben Fragen reagieren. Frauen neigen zumal dazu, ihre Expertise zu relativieren, bevor sie sie benennen. Sie qualifizieren, fügen Einschränkungen hinzu, bevor der eigentliche Gedanke überhaupt im Raum steht. Männer neigen dazu, Expertise zu benennen, bevor sie sie belegen. Sie besetzen den Raum – manchmal bevor der Inhalt ihn füllt. Das in gemischten Gruppen zu erkennen, zu analysieren zu spiegeln und am Ende zu bearbeiten, ist augenöffnend. Und zwar für beide Geschlechter in den Gruppen.
Was ich in diesen Gruppen beobachte und was mich dabei interessiert, ist nicht das Geschlecht als Kategorie – sondern die Wirkung. Ich teste, wie ein Gedanke auf Frauen wirkt und wie er auf Männer wirkt. Ob eine Formulierung in einem gemischten Raum seine Wirkung entfaltet oder nur in einem homogenen. Ob eine Positionierung, die innerhalb einer Fachcommunity funktioniert, auch außerhalb davon verstanden wird. Das ist die journalistische Frage: Wer liest das? Wer hört das? Und was bleibt hängen? Weitere spannende Artikel zu diesen und ähnlichen Themen finden Sie in meiner Blog-Übersicht.
Dieser Ansatz – das Spezifische anzuerkennen und gleichzeitig auf seine Wirkung in einem größeren Raum zu testen – ist das, was ich aus dem Journalismus in die Arbeit mit Führungskräften mitgenommen habe. Für tiefergehende Einblicke, lesen Sie meinen Leitfaden "Vertrauen ist das neue Kapital". Expertensichtbarkeit, die wirklich funktioniert, braucht beides: die Tiefe des Spezifischen und die Reichweite des Allgemeingültigen.
Fazit: Sichtbarkeit, die über die eigene Bubble hinaus Kommunikation prägt
Die Kommunikationschefin aus dem Forschungsinstitut hat das Programm nicht bereut. Sie hat dort Frauen kennengelernt, die sie bis heute schätzt. Aber sie hat verstanden, dass das Netzwerk ein Raum und ein Startpunkt war – kein Ziel.
Female Empowerment-Bewegungen haben Wichtiges geleistet und leisten es weiterhin. Aber sie stoßen an ihre Grenzen, wenn sie Sichtbarkeit als Selbstzweck behandeln. Wenn die Bubble zum Schutzraum wird, der nicht mehr verlassen werden soll. Wenn die zwanzig Likes aus dem eigenen Netzwerk als Beweis für Reichweite gelten.
Echte Expertensichtbarkeit entsteht meiner Erfahrung nach in gemischten, diversen Teams – in der Co-Kreation von Menschen, die unterschiedliche Blickwinkel, Erfahrungen und Hintergründe einbringen. In Gesprächen, die unbequem sind, weil sie über die eigene Bubble hinausgehen. Und in der Bereitschaft, die eigene Stimme nicht nur dort zu erheben, wo man bereits verstanden wird – sondern auch dort, wo man noch erklärt werden muss.
Das ist das Ziel. Und das ist die Arbeit, die sich lohnt.





